Positionen der Initiative Offene Mitte Berlin

Positionen der Initiative Offene Mitte Berlin

Der Freiraum zwischen Fernsehturm und Spree, Karl-Liebknecht-Straße und Rathausstraße zählt zu den wichtigsten öffentlichen Räumen Berlins. An diesem zentralen Ort der Stadt befinden sich der Fernsehturm mit seiner Fußumbauung und den Wasserkaskaden, die Marienkirche, der Neptunbrunnen, das Rote Rathaus und das Marx-Engels-Forum.

Seit April 2015 läuft ein von der Senatsverwaltung initiiertes Dialogverfahren, betitelt mit „Alte Mitte – neue Liebe?“ In diesem Rahmen setzt sich eine interessierte Öffentlichkeit mit der Bedeutung, Funktion, Nutzung und (künftigen) Gestaltung dieses Stadtraums auseinander. Wir sind Mitwirkende an diesem Verfahren und haben uns im Verlauf zu einer Gruppe von Bürger*innen zusammen-gefunden, die das grundsätzliche Interesse an dem Erhalt und der qualitativen Aufwertung des Freiraums teilen.

Wir setzen uns dafür ein, dass dieser wertvolle grüngeprägte Freiraum erhalten bleibt und zu einem noch attraktiveren Stadtraum weiterentwickelt wird. In den letzten Jahren wurde immer wieder über eine Privatisierung und Bebauung dieses Gebietes diskutiert. Wir lehnen eine Privatisierung oder Bebauung dieses Stadtraums entschieden ab.

Unsere Positionen sind folgende:

  1. Als öffentlicher Raum ein Ort für alle! Der Freiraum ist ein zentral gelegener öffentlicher Raum, der allen Menschen zur Verfügung steht und bereits jetzt vielfältig genutzt wird. Hier können sich die unterschiedlichsten Menschen unabhängig von Herkunft und Geldbeutel und ohne Konsumzwang aufhalten. Jugendliche nutzen den Raum ebenso wie Familien, Senioren und Touristen. Er bietet Platz für Kultur und Geselligkeit, für Bewegung und Müßiggang, für Spiel und für politische Demonstration. Dank dieser Vielfalt leistet er einen wichtigen Beitrag zur sozialen Inklusion in einer zunehmend heterogenen Stadt. In einer pluralen und demokratisch verfassten Stadtgesellschaft haben offene Begegnungsräume einen unschätzbaren Wert für Verständigung und Austausch. Es gilt sie zu erhalten und auszuweiten.
  2. Eine Vielfalt an Nutzungen ermöglichen! Die Nutzungen müssen nicht vollständig vordefiniert werden. Vielmehr sollte der Raum einladend gestaltet werden, damit vielfältige Nutzungen möglich werden und sich gegenseitig nicht behindern. Wir wollen einen Stadtraum, der lebendig wird durch die Handlungen der Menschen, die sich dort aufhalten, die dort sitzen, liegen, stehen, spazierengehen, lesen, fotografieren, malen, musizieren, tanzen, Theater spielen, die Stadtgeschichte erkunden, diskutieren oder demonstrieren. Wir schätzen die Vielfalt an Nutzenden und Nutzungen, wir wollen sie bewahren und durch qualifizierte Gestaltung des Raumes fördern. Bei der Gestaltung der Teilräume können dabei unterschiedliche Aspekte im Vordergrund stehen.
  3. Erhalten, was Berlin besonders macht! Ein großer Teil der Attraktivität, die Berlin auch international gewonnen hat, beruht darauf, dass die Stadt (noch) Freiräume als Möglichkeitsräume und Experimentierfelder vorhält. Veränderte Lebens- und Arbeitsverhältnisse, die Digitalisierung, ein neues Freizeitverhalten sowie neue politische und kulturelle Ausdrucksformen haben auch zu einem Wandel der Inanspruchnahme des öffentlichen Raumes geführt. Ohne experimentell bespielbare Freiräume verliert diese Stadt ihr Potenzial und ihre Besonderheit. Deshalb wollen wir den Freiraum gerade in dieser zentralen Lage in Berlin.
  4. In einer baulich verdichteten Umgebung den nötigen Freiraum vorhalten! Die Planungen des Senats sehen eine massive bauliche Verdichtung im Umfeld des Freiraumes vor. Nach aktuellen Plänen ist rund um den Freiraum der Neubau von 1500 Wohnungen vorgesehen. Am Alexanderplatz ist der Neubau von 11 Hochhäusern, am Molkenmarkt und an der Breiten Straße eine dichte Bebauung in Anlehnung an den alten Stadtgrundriss geplant. In einer stark verdichteten Innenstadt wird der Freiraum zukünftig als grüne Oase noch dringender gebraucht. Hier gibt es öffentliche Freiraumressourcen für Erholung, Spiel und Bewegung, die als Ausgleich für die dichte Bebauung unverzichtbar sind.
  5. Das Stadtklima beachten! Der Freiraum besitzt eine große Bedeutung für das Stadtklima. Die innerstädtische nur teilversiegelte Frei- bzw. Grünfläche stellt eine wichtige Kälteinsel dar, die für eine Belüftung und Abkühlung der benachbarten Quartiere unerlässlich ist. Diese Bedeutung wird angesichts der prognostizierten klimatischen Veränderungen noch zunehmen. Zwischen Brandenburger Tor und Alexanderplatz gibt es außer dem Lustgarten keinen urbanen Grünraum. Der parkartige Charakter insbesondere des Marx-Engels-Forums sollte auch wegen seiner ökologischen Funktion unbedingt erhalten bleiben.
  6. Geschichtszeugnisse bewahren, Geschichte erfahrbar machen! Der Freiraum ist Schauplatz einer wechselvollen Geschichte. Das Areal war Teil des historischen Stadtkerns, der an dieser Stelle bereits im 19. Jahrhundert weitgehend durch eine gründerzeitliche Büro- und Geschäftscity überformt und im Zweiten Weltkrieg zu großen Teilen zerstört wurde. Zeugnisse des vormodernen Berlin blieben im Untergrund jedoch bis in die Gegenwart erhalten. Die archäologischen Spuren sind ebenso wie die bestehenden historischen Gebäude und Denkmäler wertvolle Zeitzeugnisse. Durch archäologische Fenster, Freiluftausstellungen, Informationstafeln, partizipative mediale Angebote oder künstlerische Interventionen lässt sich die facettenreiche Geschichte des Ortes samt ihrer Brüche erfahrbar machen. Eine Bebauung hingegen würde gerade die ältesten der im Raum vorhandenen authentischen Geschichtszeugnisse zerstören.
  7. Die Nachkriegsmoderne schätzen und schützen! Nach den umfangreichen Kriegszerstörungen erfuhr das Areal im Rahmen der DDR-Hauptstadtplanung ab 1965 eine völlige Umgestaltung. Die Ideen der Nachkriegsmoderne sind an diesem Ort besonders präsent: Der Fernsehturm erzählt von der Fortschritts- und Technikbegeisterung der sechziger Jahre. Seine Fußumbauung mit den Wasserspielen spiegelt ein Bedürfnis nach Leichtigkeit wider. Die Wohnscheiben an der Rathausstraße und der Karl-Liebknecht-Straße stellen eine Adaption der Konzepte Le Corbusiers für Großwohneinheiten dar. Der Fernsehturm, seine Fußbebauung und die an ihn angrenzenden Freiflächen stehen unter Denkmalschutz. Eine Weiterentwicklung dieses Stadtraums erfordert daher besondere Sorgfalt und einen wertschätzenden Umgang mit dem Bestand.
  8. Die vorhandenen Bauten durch Erhalt der Sichtbeziehungen als Ensemble erlebbar machen! Der Freiraum wird durch stadtweit bedeutende Bauten, wie den Fernsehturm, die Marienkirche, das Rote Rathaus und künftig auch das Humboldt-Forum entscheidend geprägt. Diese Gebäude brauchen einen großen, weiten Raum, um einzeln und als Ensemble, das verschiedene Zeitschichten repräsentiert, wirken zu können. Nach der Fertigstellung des Humboldt-Forums wird diese städtebauliche Qualität noch stärker zur Geltung kommen, da sich auch von dessen Ostflügel aus ein spektakulärer Blick bieten wird. Die vorhandenen Sichtbeziehungen sind deshalb freizuhalten und zu bewahren.
  9. Einen Ort für den politischen Diskurs der Stadtgesellschaft schaffen! Mit dem Roten Rathaus beherbergt das Areal den Regierungssitz der Stadt Berlin. Während im historischen Stadtgrundriss ein großzügiger Rathausplatz fehlte, kann die heutige Freifläche die Funktion einer Agora erfüllen. Sie liegt zentral, ist gut erreichbar, hat Bühnencharakter und mit dem Regierungssitz auch ein konkretes Gegenüber. Denkbar wäre ein landschaftsarchitektonisch gefasster Platz vor dem Roten Rathaus, der (auch) als Ort für politische Demonstrationen, zur Selbstverständigung der Stadtgesellschaft und als Resonanzraum für politischen oder kulturellen Ausdruck nutzbar ist. Diese Funktion kann durch eine Öffnung des Roten Rathauses für die Bürger noch gestärkt werden. Künftig könnten hier Diskussionen und Foren stattfinden, auf denen stadtpolitische Themen verhandelt werden.
  10. Vielen Menschen Platz bieten! Das Humboldt-Forum soll 2019 eröffnet werden. Es kann ein Anziehungspunkt für viele Menschen werden und steigert in Verbindung mit dem Ausbau der Museumsinsel die Attraktivität des historischen Zentrums. Vor dem Roten Rathaus wird die U-Bahn-Station in Betrieb gehen und nicht nur das Rathausforum sondern auch das Nikolaiviertel besser erreichbar machen. Das bedeutet, dass dieser Stadtraum von viel mehr Menschen besucht werden wird als heute. Heute schon ist der Lustgarten an schönen Tagen übervoll. Auch für die künftigen zusätzlichen Besucher wird dieser Freiraum dringend benötigt. Zudem bietet er auf dem Marx-Engels-Forum die Möglichkeit, die Idee des Humboldt-Forums im Außenraum wieder aufzugreifen („Weltgarten“).
  11. Sockelbebauung des Fernsehturms kommunalisieren, Räume in bestehenden Bauten in die Freiraumnutzungen einbinden! Die gegenwärtigen, nach innen gerichteten Nutzungen des ersten Stocks der Sockelbebauung des Fernsehturms werden der spielerischen Idee und baulichen Gestaltung des Bauwerks mit seinen Panoramafenstern und offenen hellen Räumlichkeiten nicht gerecht. Die Potenziale der Fußumbauung des Fernsehturms sollten durch eine Kommunalisierung für öffentliche Nutzungen wiedergewonnen werden. Auch die angrenzenden Gebäudekomplexe in der Karl-Liebknecht- und Rathausstraße ließen sich gut in die Freiraumgestaltung einbeziehen. Es handelt sich bei ihnen um multifunktionale, flexibel nutzbare Gebäude, die sich bereits in kommunalem Eigentum (WBM) befinden. Sie könnten als ergänzende räumliche Ressource für diverse Nutzungen dienen.
  12. Die Anbindung an die Nachbarquartiere gestalten! Der Freiraum ist der zentrale Ort in der historischen Berliner Mitte umgeben von Friedrichswerder, Nikolaiviertel, Klosterviertel, Alexanderplatz, Spandauer Vorstadt, Hackeschem Markt, Berliner Dom sowie der Museumsinsel und Unter den Linden mit ihren bedeutenden Bildungs- und Kulturstätten. Aktuell ist er aufgrund großer Verkehrsschneisen und Baustellen schlecht zugänglich und wenig durchlässig. Die Verbindungen in die umliegenden Viertel sollten durch qualifizierte gestalterische Maßnahmen für Fußgänger besser sichtbar gemacht, die Rathausstraße bis zum Humboldt-Forum mit einem Radweg ausgestaltet werden. Eine attraktive Spreepromenade setzt Nikolaiviertel, Marx-Engels-Forum und Museumsinsel in Bezug. Ebenerdige Übergänge oder Fußgängerbrücken böten sich zur Überquerung der Spandauer Straße und zu den Gebäuden an der Karl-Liebknecht-Straße an.

 

Die aufgeführten Argumente lassen sich zu einer Kernaussage zusammenfassen: Der Freiraum in der Berliner Stadtmitte – zwischen Fernsehturm und Humboldt-Forum, zwischen Rotem Rathaus und Karl-Liebknecht-Straße – muss als bedeutende städtische Ressource in öffentlicher Hand bleiben und sollte an keiner Stelle dauerhaft bebaut werden! Die Fläche sollte als öffentlicher Freiraum landschaftsarchitektonisch behutsam, unter differenzierter und anspruchsvoller Gestaltung der Teilräume und im Dialog mit den Nutzer*innen so weiterentwickelt werden, dass sie den heutigen und auch künftigen Anforderungen gerecht werden kann. Ein freiraumplanerischer Wettbewerb sollte helfen, Antworten auf diese Herausforderungen zu finden.

Dafür engagieren wir uns!

Berlin, 15. Oktober 2015

 

Erstunterzeichner*innen:


Andreas Böttger, BA Kulturwissenschaften
Axel Zutz, Dipl.-Ing. Landschaftsplanung, Garten- und Planungshistoriker
Almut Pape, Künstlerin
Bernd Krüger, Dipl.-Ing., Gartenhistoriker
Carola Bluhm, Soziologin, MdA
Claudia Bartholomeyczik, Theaterpädagogin
Doris Koch, Künstlerin & Kulturwissenschaftlerin
Ernst Wolf Abée, Architekt SRL
Hanna Rohst, B.sc.of architecture
Matthias Grünzig, Journalist
Markus Wollina, Soziologe und Historiker
Matthias Nebel, Bühnen- und Kostümbildner
Peter Born, Reiseleiter
Steffen Pfrogner, Stadtplaner Architekt
Theresa Keilhacker, Architektin
Verena Sich, Juristin


Weitere Unterstützer:


Horst-Dieter Giera, ehrenamtlicher Denkmalpfleger
Mareike Steinig, Diplom-Dolmetscherin/Tour Guide
Helmut Gelbrich, Landschaftsplaner
Dr. Tina Zürn, Kunsthistorikerin
Achim Linde, Architekt
Wolfgang Kil, Kritiker und Publizist
Dr. Guido Brendgens, wiss. Mitarbeiter, Friedrichshagen
Dr. Angela Pfennig, Dipl.-Ing. Gebiets- und Stadtplanung, Gartenhistorikerin

 

Kontakt: offene-mitte-berlin@web.de

https://offenemitteberlin.wordpress.com