Kommentar zu „Kugelturm und große Leere“ in Deutsches Architektenblatt 02:16, S. 24-27 von Falk Jäger

Harald Kegler

National Mall oder Rothenburg 2.0 – so könnte mein Kommentar zu dem Beitrag von Falk Jäger im Deutschen Architektenblatt 02:16 über den Entwurf von Sergej Tchoban für die Berliner Mitte lauten. Welch ein großes Missverständnis muss diesem Entwurf zugrunde liegen! Sicher, dieser Raum zwischen Fernsehturm und „neuem“ Schloss im Herzen der Hauptstadt ist ein ambitionierter Raum, der weiterentwickelt werden will und seit langem ein Kampfplatz der oft ideologisch angehauchten Städtebauideen ist. Nun kommt eine weitere Facette in diesem Kampf hinzu: ein „guter Städtebau“ soll es werden, endlich möge wieder Stadtbaukunst einziehen in die als trist empfundene Berliner Mitte. Es liegt ein neuer Entwurf vor, der in den höchsten Tönen gelobt und quasi zum Bau empfohlen wird. Sicher, es handelt sich um einen wohl geSITTEeten Entwurf, der lehrbuchhaft die Prinzipien eines soliden Städtebaus durch dekliniert. Doch drängt sich die Frage auf, ob einer solcher Ansatz für die Mitte der Hauptstadt des geeinten Deutschlands in einem weiter gedachten Europa angemessen ist? Die Antwort ist klar: Nein. Schnuggelige Gassen, Sichtbeziehungen und das unausweichlichen Eckcafe‘ gehören nach Rothenburg ob der Tauber, sind aber für einen solch prominenten Ort zu klein gedacht. Nicht nur das Mittelalter prägte die Kultur von Europas Städtebau, dazu gehören auch der Barock, die Aufklärung, die Reformen am Beginn des 20. Jahrhunderts, die Diktaturen und die Versuche der Wiederaufbaumoderne nach dem 2. Weltkrieg – von alledem finden sich Spuren an diesem Ort versammelt, geradezu ein Mikrokosmos Europas, mit all seinen Widersprüchen und auch uneingelösten Ansprüchen. Welch ein Raum, möchte man ausrufen, der nationale und europäische Kultur vereint, gerahmt vom Symbol des Wieder- und Neubaus von Stadt, dem Fernsehturm, bis zum Versuch, die Weltkultur in einem Humboldt gewidmeten historisierenden Gebäude zu versammeln. Welch ein Spannungsfeld eröffnet sich hier in der Nähe des Gründungsortes von Berlin (Nikolaiviertel), am Roten Rathaus und unweit der legendären Humboldt-Universität. Dieses hier nur skizzierte Spektrum macht eines deutlich: Kleinstadtidylle ist hier fehl am Platze. Ein Ort, der viele widersprüchliche Schichten der deutschen Geschichte markiert und mehr ist als ein Kiez. Hier braucht es eine größere Idee, die zugleich in der Lage ist, Menschen zusammen zu bringen und eine Ausstrahlung zu geben. Ein großes Vorbild kommt mir dabei in den Sinn: Die National Mall in Washington D.C. Niemand käme auf den Gedanken, dort eine verdichtete Bebauung zu platzieren, nur weil so viel Leere dort herrscht, denn, wie Wolfgang Sonne vom Deutschen Institut für Stadtbaukunst zurecht feststellte, „erst durch den sublimen Leerraum der Mall werden die sie umgebenden Einzelteile zusammengebunden … Und erst die Bedeutungslosigkeit dieser mit Bäumen gefassten Leere ermöglicht es dem Betrachter, zur Besinnung zu kommen und eigene Vorstellungen zu projizieren“, den Ort also, wie Hans-Georg Lippert in seinem Artikel zu „Titan und Gitterwürfel“ es formulierte, zu einer Stiftung von Gemeinsinn und zum Erleben von Transzendenz zu nutzen. (publik-Forum 13/2010, S. S. 41)

Damit ist keine Kopie gemeint und schon gar nicht eine Mall wie die „Alexa“, damit ist eine Anregung gemeint, einen wirklichen (inter)nationalen Diskurs über den Städtebau an einem solch bedeutsamen Ort zu initiieren und nicht nach Bauinvestoren zu schielen, die dort etwas „Kultur“ hinpflanzen mögen oder gar die dort die sichtbare Geschichte vergessen machen soll. Ob auf diese Weise eine Architektur „mit einem überdurchschnittlichen Maß an Qualität“ kommen soll, bleibt fraglich. Und diese den als dilettantisch abqualifizierten Bürgervorschlägen entgegenzustellen kann fast als zynisch empfunden werden. Ein dilettantisches Verfahren führt zu dilettantischen Ergebnissen, könnte dem entgegen gehalten werden. Jedoch waren gar nicht nur dilettantische Vorschläge unter den Bürgereinsendungen. Die Bereitschaft zum Engagement war deutlich erkennbar – und zwar durchaus auch für andere Denkansätze als die einer Kleinstadt im klein gedachten Berlin. Das heißt nicht, könnte der Einwand lauten, Berlin soll GROSS und dominant werden. Berlin ist die Hauptstadt eines demokratischen Deutschland in einem demokratischen Europa – bei allen Schwierigkeiten, die gerade die Demokratie derzeit in Deutschland und Europa zu erleiden hat. Gerade auch deswegen ist mehr gefragt an kulturvollem, demokratischem Diskurs und demokratischer Geste. Die Bürgerstadt und die Bürgergesellschaft sind gefordert sich zu beteiligen, nicht als Beiwerk, aber auch nicht als grölende Menge. In der National Mall in Washington findet Demokratie ihren räumlichen Ausdruck – das ist die Botschaft, das ist der Maßstab. Jetzt kann und muss der Architekt seine Ideen in die Debatte bringen, jedoch nicht belehrend auf die unmündigen Bürger herabschauend. Wir haben alle mehr verdient als Plätzchen und Gässchen und wir wollen die kulturvolle Auseinandersetzung um einen öffentlichen Ort, nicht das Herabzelebrieren von scheinbarer Schönheit durch Bauträger, die „gähnende Leere“ durch Verwertung ersetzen wollen. Die Leere kann nicht durch „Zusteller“ dieses Ortes wechselvoller Geschichte gefüllt werden, sondern durch gerahmte Aneignung eines bedeutsamen Ortes für eine neu zu denkende urbane Zukunft am Beginn des 21. Jahrhunderts.
12. Februar 2016

PD Dr. habil. Harald Kegler, Universität Kassel, Institut für urbane Entwicklungen
harald.kegler@uni-kassel.de

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